{"id":13732,"date":"2025-11-16T13:00:00","date_gmt":"2025-11-16T11:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/fellingshausen.bibibo.info\/?p=13732"},"modified":"2025-11-16T14:58:00","modified_gmt":"2025-11-16T12:58:00","slug":"rede-zum-volkstrauertag-2025","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fellingshausen.bibibo.info\/?p=13732","title":{"rendered":"Rede des Ortsvorstehers zum Volkstrauertag 2025"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>80 Jahre nach Kriegsende<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Guten Morgen, <br>sch\u00f6n Sie alle wieder hier zu sehen, um der Toten und Leiden von Kriegsopfern zu gedenken.<br>Gut, dass wir uns dem Vergessen entgegenstellen!<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Beginn gilt es \u2013 dem heutigen Ablauf entsprechend &#8211; Danke zu sagen: <br>Danke Michael Bierschenk, der uns auch in diesem Jahr wieder musikalisch begleitet, Danke an Patricia Ortmann, heute vertreten durch Peter Kleiner, sowie an die Gemeindeverwaltung f\u00fcr ihre vorbereitende Organisationsarbeit und Gestaltung dieser Feier; Danke an Pfarrer Daniel Schweizer, der hier f\u00fcr geistigen Beistand steht und &#8222;last but not least&#8220; Danke Steffen Balser der daf\u00fcr sorgt, dass uns hier warm ist und der, wie all die Jahre, f\u00fcr unsere freiwillige Feuerwehr spricht.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg-fellingshausen.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/20230905_090634-1024x485.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1301\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Heute h\u00f6ren Sie meine letzte Rede als Ortsvorsteher zum Volkstrauertag.<br>In Zukunft werde ich mich um Wissensweitergabe und um den Gernerationendialog bem\u00fchen. <br>Das ist mein Projekt f\u00fcr die Gemeinschaft, so wie die bisherigen Ortsvorsteher ihre Fu\u00dfspuren im Dorf hinterlassen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Volkstrauertag ist jedes Jahr ein Termin der Reflektion. <br>Es ist ein Termin, der mich zunehmend mit mehr begreifender Trauer und Sorge erf\u00fcllt:<br>Die Erfahrung, wie schrecklich Krieg ist, ist binnen dreier Generationen verloren gegangen. Wir k\u00f6nnen uns heute, trotz aller Fernseh- und Kinobilder, nicht mehr vorstellen, wie es ist, von heute auf morgen all seiner Habe, seines Zuhauses beraubt zu sein, nichts zu Essen zu haben, den Verlust von geliebten Menschen oder eigene Verwundungen ertragen zu m\u00fcssen; vielleicht keine Krankenversorgung zu haben, in Angst um das eigene \u00dcberleben auf der Flucht zu sein oder im Ungewissen in einem Keller zu sitzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und doch kommen diese Szenarien vorstellbar wieder auf uns zu:<br>Einige f\u00fcrchten inzwischen sogar einen bewaffneten Konflikt zwischen Russland und der Nato.<br>Wir wollen hoffen sehr, dass dieser Kelch an uns vor\u00fcber geht, \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>aber selbst, wenn wir vom Krieg verschont bleiben, werden wir dem menschgemachten Klimakatastrophen wohl kaum aus dem Weg gehen k\u00f6nnen: Starkregenereignisse, \u00dcberschwemmungen, Tornados, Hitzewellen, Wassermangel. Die allgemeinen Wetter\u00e4nderungen bedingen einen Wandel in der Landwirtschaft und Nahrungsproduktion, gesellschaftliche \u00dcberalterung und Migration, all das kann uns und nachfolgende Generationen<br>in sehr \u00e4hnliche Situationen bringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sollten nicht l\u00e4nger die Augen vor diesen Entwicklungen verschlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur wenn jeder ein kleinwenig beitr\u00e4gt und wir wieder enger zusammenstehen,<br>werden wir mit den Herausforderungen klarkommen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2019 <\/strong>stand ich zum ersten Male noch unsicher hier und vertrat den damaligen Ortsvorsteher Dieter Synowszik.<br>Schon damals waren neben der Erinnerung auch Zukunfts\u00e4ngste Thema: Klimawandel, Globalisierung, Urbanisierung, \u00dcberbev\u00f6lkerung, Migration und Egoismus, die zunehmende Spaltung in den Gesellschaften, der demagogische Populismus und nationalistische Politik &#8211; als ein weltweit zu beobachtendes Ph\u00e4nomen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2020<\/strong> hatte das Corona-Virus bzw. die Angst davor das Land im Griff. Das social distancing verst\u00e4rkte sich und lie\u00df ernste Auswirkungen erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2021<\/strong> konnten wir uns wieder treffen. Inzwischen waren 7 Menschen in Biebertal \u201ean oder mit Corona\u201c gestorben. \u00a0<br>In meiner Rede erinnerte ich an den Bombenabwurf am 14. M\u00e4rz 1945 auf Bieber und am 27. M\u00e4rz auf Frankenbach und fragte mich, ob wir als Art rechtzeitig begreifen werden, dass wir alle im gleichen kleinen Boot sitzen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2022<\/strong> begann die russische Spezialoperation in der Ukraine.<br>Zwar gab es nach den gro\u00dfen Kriegen des 20. Jahrhunderts immerzu Kriege, doch Hierzulande schienen uns &#8211; bis dahin &#8211; all die Kriege weit weg.<br>Nun erreichten uns die Auswirkungen dieses neuerlichen Krieges in Europa<br>mit Energieproblemen, Kostensteigerungen und Geldentwertung, Rezession, einem politischen Kurswechsel, neuen Aufr\u00fcstungsbem\u00fchungen und der gef\u00fchlten Bedrohung unserer Komfortzone.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2023<\/strong> war das Jahr des Terrorangriffes der Hamas auf Israel und der Beginn des Gaza-Desasters.<br>Hier fragten wir uns \u201eWas ist Frieden?\u201c<br>Ist das definitionsgem\u00e4\u00df ein Zustand, in dem auftretenden Differenzen auf der Basis von Einigungsbereitschaft, Recht, Gesetz und ohne Gewalt begegnet wird?<br>Nein, wir mussten uns eingestehen: kein Krieg, ist nicht mehr gleichbedeutend mit Frieden.<br>L\u00e4ngst herrscht, neben den hei\u00dfen Kriegen mit Bombenterror und Armeen, auch bei uns ein stiller, hybrider Kriegszustand mittels medialer Desinformation, Aussp\u00e4hung von Zielen, Sabotage und Cyberangriffen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2024<\/strong> warfen wir hier einen Blick auf den Kampf der Systeme um die Weltherrschaft in der \u00e4u\u00dferen Welt &#8211; und in der inneren Welt menschlicher Gedanken, wo Kriege zun\u00e4chst mit Worten beginnen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2025 <\/strong>feierten wir <strong>35 Jahre wiedervereinigtes Deutschland<\/strong>.<br>Der friedliche Wandel in Osteuropa ging in die Geschichtsb\u00fccher ein.<br>Vor lauter Euphorie wurde bereits \u00fcber das \u201eEnde der Geschichte\u201c spekuliert, indem sich die Demokratie nunmehr auf der gesamten Welt ausbreiten w\u00fcrde.<br>Ein Blick auf den blutigen Globus belehrt uns leider l\u00e4ngst eines Besseren.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute schauen wir auch auf <strong>80 Jahre nach dem Weltkriegsende <\/strong>und erleben, wie ein Zur\u00fcck in eine nationalistische Zukunft wieder hoff\u00e4hig wird.<br>Wir leben inzwischen in einer Welt, in der sich rechtsextreme Kr\u00e4fte nicht mehr l\u00e4nger nur am gesellschaftlichen Rand, sondern in der Mitte der politischen Landschaft etablieren. Mit antidemokratischen Positionen wird die Hoffnung auf starke, phantasiert wissende Elternfiguren gesch\u00fcrt, die es richten und alles wieder gut werden lassen. Fatalerweise gewinnen derartig unterw\u00fcrfige kindliche Vorstellungen (Erinnerungen?) in der Breite der Gesellschaft stetig an Zustimmung.<br>Wir sollten uns unbedingt vor Augen halten, dass nach der Macht\u00fcbernahme der Nationalsozialisten 1933 der Umbau des Staates binnen weniger Wochen erfolgte.<br>Zwar ist die reale Not heute weit entfernt von den Lebensverh\u00e4ltnissen nach dem 1. Weltkrieg 1918 und der Wirtschaftskrise 1929, doch die permanenten Erz\u00e4hlungen mit angstmachenden Inhalten haben eine vergleichbare Wirkung, da sie in Gehirn an der gleichen Stelle alarmierend wirken und vern\u00fcnftiges Denken minimieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Flucht-, Angriff oder Erstarren sind die biologisch vorgegebenen, reflexhaften, nicht rationalen Reaktionen, die seit Jahrtausenden in Situationen, in denen man sich bedroht f\u00fchlt, das \u00dcberleben sichern. Lebensbedroht hat man keine Zeit f\u00fcr langes Gr\u00fcbeln!<br>F\u00fcr das Ausl\u00f6sen dieser Reaktionen braucht es jedoch keine echte Bedrohung, es reicht die Stimmung, sich bedroht zu f\u00fchlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist g\u00e4ngige Herrschaftspolitik seit Jahrhunderten.<br>Genau damit arbeiten Populisten und die Medienkonzerne verdienen an aufregenden Storys und eskalierenden Algorithmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da der ernsthafte, echte Austausch zwischen den realen Menschen immer weiter zur\u00fcckgeht und immer mehr Menschen in ihren Medienblasen bleiben, sind wir, trotz aller Informationsm\u00f6glichkeiten, in der Flut der Angebote wieder zur\u00fcck auf dem Level des Glaubens.<br>So verschiebt sich allm\u00e4hlich die Wahrnehmung &#8211; und es entsteht eine erz\u00e4hlte Wirklichkeitsvorstellung, die keines Bezuges zur erfahrenen und gepr\u00fcften Realit\u00e4t bedarf.<br>Im eigenen Gehirn gibt es keine Instanz, die Fake von Fakt unterscheiden kann.<br>Um herauszufinden, was ist, brauchen wir die mitdiskutierenden anderen und deren sich, von unserer unterscheidenden Perspektiven und Wahrnehmungen.<\/p>\n\n\n\n<p>So funktioniert auch Wissenschaft, \u00a0<br>die ein tragf\u00e4higes Fundament unserer Erkenntnisse bildet \u2013 die von Populisten angegriffen wird.<br>Gerade in der Corona-Krise konnten wir Wissenschaft im Prozess miterleben.<br>Dabei ist allerdings in breiten Bev\u00f6lkerungsteilen nicht Vertrauen, sondern Verunsicherung gewachsen &#8211; und damit die Sehnsucht nach Kontrolle und Rettern, die Stabilit\u00e4t und Sicherheit wieder herstellen.<br>Viele scheinen nicht verstanden zu sein, dass Befunde, Erkenntnisse und Lehrmeinungen keine endg\u00fcltigen Wahrheiten sind, sondern Thesen, die nur so lange gelten, bis sie widerlegt werden und neue, bessere Erkenntnisse zur Basis des Handelns werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der AfD Kreisverband Gie\u00dfen am 24.10. zum &#8222;B\u00fcrgerdialog&#8220; in Biebertal eingeladen hatte, sah man am B\u00fcrgerhaus in Bieber Transparente mit<br>\u201eKein Platz f\u00fcr Nazis \u2013 nirgendwo!\u201c, &#8222;Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen&#8220;, \u201eVielfalt, statt v\u00f6lkischer Wahn\u201c oder &#8222;Biebertal in Vielfalt einig&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit sollten all die Geschichtsvergessenen an die Kriegsopfer, Massaker und Genozide erinnert werden, die dem Gr\u00f6\u00dfenwahn und Machterhalt von Diktaturen, vermeintlichen Staatsinteressen, Glaubenskriegen und politischen Ideologien zum Opfer fielen.<br>Gerade &#8211; \u00fcber die Zeit betrachtete &#8211; die Sinnlosigkeit all dieser blutigen Konflikte muss eigentlich betroffen machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und genau darum d\u00fcrfen wir nicht aufh\u00f6ren zu erinnern und emotional angefasst zu bleiben.<br>Denn jeder Krieg ist eine Niederlage des menschlichen Geistes.<\/p>\n\n\n\n<p>Jeden Tag erfinden wir unsere Realit\u00e4t &#8211; zusammen mit den anderen &#8211; neu und entscheiden, ob Egoismus oder unser urspr\u00fcnglicher Altruismus, ob Hass oder die Liebe triumphiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielen Dank! &#8211; Dr. Alfons Lindemann<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:12px\"><strong>Foto: Lindemann<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>80 Jahre nach Kriegsende Guten Morgen, sch\u00f6n Sie alle wieder hier zu sehen, um der Toten und Leiden von Kriegsopfern zu gedenken.Gut, dass wir uns dem Vergessen entgegenstellen! 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