{"id":13394,"date":"2024-11-09T16:46:53","date_gmt":"2024-11-09T14:46:53","guid":{"rendered":"http:\/\/fellingshausen.bibibo.info\/?p=13394"},"modified":"2024-11-14T16:17:28","modified_gmt":"2024-11-14T14:17:28","slug":"rede-zum-volkstrauertag-2024","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fellingshausen.bibibo.info\/?p=13394","title":{"rendered":"Rede zum Volkstrauertag 2024"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"688\" src=\"https:\/\/fellingshausen.bibibo.info\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/120406-Breitenbach-06-1024x688.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-13395\" style=\"width:525px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/fellingshausen.bibibo.info\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/120406-Breitenbach-06-1024x688.jpg 1024w, https:\/\/fellingshausen.bibibo.info\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/120406-Breitenbach-06-300x202.jpg 300w, https:\/\/fellingshausen.bibibo.info\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/120406-Breitenbach-06-768x516.jpg 768w, https:\/\/fellingshausen.bibibo.info\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/120406-Breitenbach-06-1536x1032.jpg 1536w, https:\/\/fellingshausen.bibibo.info\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/120406-Breitenbach-06-120x80.jpg 120w, https:\/\/fellingshausen.bibibo.info\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/120406-Breitenbach-06.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Als Ortsvorsteher von Fellingshausen begr\u00fc\u00dfe ich Sie und danke Ihnen f\u00fcr Ihr Kommen.<br>Denn angesichts der j\u00fcngsten Entwicklungen sind das Erinnern an die Leiden und Folgen von Krieg wieder sehr wichtig, ebenso wie das Zusammenstehen gegen Hetze, Hass, Falschinformation und Gewalt als Mittel politischer Auseinandersetzung.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Kind habe ich noch auf Tr\u00fcmmergrundst\u00fccken gespielt, doch Krieg kennen wir hierzulande alle nur aus Filmen und Berichten. Wir sind kaum in der Lage, uns die Angst und das Leid vorzustellen oder gar zu begreifen.<br>Umso wichtiger ist es, sich diese Schrecken immer wieder vor Augen zu halten, um aus den Erfahrungen unser Vorfahren zu lernen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor nunmehr 110 Jahren fiel der erste Schuss im 1. Weltkrieg; <br>vor 86 Jahren brannten 1938 in der Reichsprogromnacht die Synagogen; <br>ein Jahr sp\u00e4ter begann der 2. Weltkrieg. <br>Mit dem D-Day begann dann vor 80 Jahren das Ende des Nazi-Regimes von au\u00dfen. <br>Im Inneren scheiterte 1944 das Attentat der Widerstandsgruppe um Oberst Graf Schenk von Stauffenberg.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute, 79 Jahre nach dem Ende dieses gr\u00f6\u00dften menschengemachten Desasters im 20. Jahrhundert, <br>gedenken wir einerseits all der Opfer von damals, aber auch all der nachfolgenden und aktuellen Opfer von Gewalt, Krieg und Vertreibung.  <br>Zugleich aber m\u00fcssen wir uns heute auch eingestehen, dass der dritte Weltkrieg mit neuen Formen der Kriegsf\u00fchrung l\u00e4ngst begonnen hat.<br><strong>In der \u00e4u\u00dferen<\/strong> <strong>Welt<\/strong> sehen wir den Kampf der Systeme um die Weltherrschaft. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>In der inneren Welt<\/strong> menschlicher Gedanken &#8211; dort wo Kriege beginnen, finden wir, entgegen aller Erfahrung, noch immer die verr\u00fcckte Vorstellung, das \u201eB\u00f6se\u201c, das \u201eAndere\u201c \/ die Anderen seien vernichtbar. <br>Erst wenn das \u201eGute\u201c &#8211; mit all seinen gezeigten Grausamkeiten und Opfern &#8211; gesiegt habe, w\u00e4re ein paradiesischer Zustand hergestellt.<br>Schon an diesem Paradox von Gewalt, die zum Frieden f\u00fchren soll, erkennen wir den Unsinn solcher Vorstellungen. <\/p>\n\n\n\n<p>Hilfreich w\u00e4re es, zu verstehen, dass<strong> Polarit\u00e4ten <\/strong>wie \u201eGut\u201c und \u201eB\u00f6se\u201c, also die Bewertung, was gef\u00e4llt oder nicht, lediglich eine notwendige Bedingung unseres Denkens und Benennens ist:<br>Immer wenn wir einen Unterschied machen, also einen Aspekt von allem, was da ist, aktiv in den Fokus r\u00fccken, erzeugen wir in unserer Wahrnehmung einen Vordergrund, etwas Hervorragendes, w\u00e4hrend zugleich anderes zum Hintergrund und weniger Bedeutsam wird.<br>Wir erzeugen Differenzen und Ambivalenzen, die tats\u00e4chlich nicht existieren und stellen sie als unvers\u00f6hnliches \u201e<strong>entweder-oder<\/strong>\u201c dar, statt das \u201e<strong>sowohl-als-auch<\/strong>\u201c zu betonen.<\/p>\n\n\n\n<p>Lassen sie mich als <strong>Beispiel<\/strong> anf\u00fchren, dass alle Menschen genetisch zu 99,9 % gleichen sind; mit Bonobos und Schimpansen haben wir zu 98,7 % die geleichen Gene und selbst mit der Banane sind unsere menschlichen Gene noch zu 25 % identisch.<br>All die Unterschiede, die wir im Alltag der Menschen sehen, entstehen aufgrund unterschiedlicher Nutzung der Erbinformationen. Das wiederum hat mit Umweltfaktoren und Beziehungserfahrungen zu tun.<\/p>\n\n\n\n<p>Der israelische Historiker und Autor Yuval Noah Harari schieb, Kinder seien wie fl\u00fcssiges Glas, man k\u00f6nne sie ziehen, zu was man wolle, zu Atheisten, Christen, Moslems, Buddhisten, Kommunisten, zu Kriegern, Attent\u00e4tern oder zu friedliebenden Menschen. All das aus Liebe. Zudem sei der Mensch das einzige Lebewesen, das an Fiktionen glauben kann, wie zum Beispiel an G\u00f6tter, Staaten, Geld oder Menschenrechte.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei all den Unterschieden der zuf\u00e4lligen Herkunft, der Hautfarbe, von Glaubensauffassung oder sexueller Orientierung usw. k\u00f6nnen wir nur durch <strong>Zusammenkommen und einander kennenlernen<\/strong> entdecken, dass alle anderen Menschen sind, wie wir.<br>Im demokratischen Dialog l\u00e4sst sich verabreden, auf welchen Grund\u00fcberzeugungen und nach welchen Regeln wir leben wollen &#8211; oder es wird diktatorisch verordnet und gewaltsam durchgesetzt.<br>Aber auch alles andere ist Teil eines unteilbaren \u00d6kosystems, ohne dass wir Menschen nicht existieren k\u00f6nnen. Hierbei geht es oft um Ressourcen und Einflusssph\u00e4ren der Macht, statt um Gemeinwohl.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Heute<\/strong>, in verunsicherten Zeiten des ideologischen Individualismus, der Medien &#8211; und mit vielen d\u00fcsteren Zukunftsprognosen, br\u00f6ckelt der Zusammenhalt, der Austausch, das Miteinander, das Verbindende,<br>so dass die gef\u00fchlte Sicherheit schwindet.<br>Die Gruppe, die so denkt wie man selbst, kompensiert da, schafft ein Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl, \u00fcberwindet die Einsamkeit. So entsteht schnell ein <strong>\u201eWir\u201c oder \u201eIhr\u201c<\/strong>, wobei das \u201eB\u00f6se\u201c und die \u201eSchuld\u201c, f\u00fcr was auch immer, bei den Anderen verortet wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>Dabei ist jede solche Diskriminierung, jeder Krieg eine Niederlage des menschlichen Geistes.<br>Allgemeiner gesagt, ist jeder Kampf ein verlorener Kampf.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Aus dieser Erkenntnis und wegen all der bedr\u00fcckenden Schicksale, lautet die Botschaft auch dieses Tages wieder: <strong>\u201eNie wieder ist jetzt!\u201c<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz praktisch bedeutet das, <strong>Zivilcourage<\/strong> ist kein blo\u00dfes Wort, es ist <strong>das Lebenszeichen einer menschlichen Gesellschaft.<br><\/strong>Das hei\u00dft: Keine Toleranz gegen\u00fcber Intoleranten, sich Aggressoren ohne Zaudern entgegenstellen; paradoxerweise manchmal auch mit Waffengewalt, um verabredete Grenzen durchzusetzen.<br>Es hei\u00dft aber auch, menschlichem Leid gegen\u00fcber nie gleichg\u00fcltig zu sein und dort mutig einzuschreiten, wo Mitmenschen Hilfe brauchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Insofern \u00e4rgert mich das Generalisieren so mancher Politiker, die, nach schrecklichen Anschl\u00e4gen auf unsere Lebensweise oder solche auf Andersgl\u00e4ubige, ganze Landsmannschaften kriminalisieren und den unsachlichen, spaltenden, wie demokratiefeindlichen Stimmen im Lande nachplappern. <br><strong>Es gilt<\/strong>, genau hinzuschauen und entgegenzutreten, wenn B\u00fcrgerrechte ausgeh\u00f6hlt und Menschenrechte mit F\u00fc\u00dfen getreten werden. <strong>Wir k\u00f6nnen den Frieden nur bewahren, wenn wir aktiv f\u00fcr ihn eintreten.<br><\/strong>Das gilt in der gro\u00dfen Perspektive der Weltpolitik genauso wie im kleinen Rahmen unseres t\u00e4glichen Lebens.<\/p>\n\n\n\n<p>An dieser Stelle sei an den <strong>friedlichen Wandel<\/strong>, an <strong>die<\/strong> <strong>Wiedervereinigung Deutschlands<\/strong> und das Ende des Kalten Krieges vor 35 Jahren erinnert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aber<\/strong>, und da kommen wir auf die Wahrnehmungspsychologie oben zur\u00fcck: <br><strong>Es gibt nichts \u201eGutes\u201c, ohne dass zugleich auch ein \u201eSchlechtes\u201c mitentsteht \u2013 und umgekehrt!<\/strong><br>Ohne den Zerfall der UDSSR g\u00e4be es heute keinen Krieg in der Ukraine; ohne die Kolonialgeschichte und die Gr\u00e4uel des Naziregimes g\u00e4be es kein Israel und heute keinen Gaza-Krieg. usw. usw.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lassen sie uns einander freundlich entgegenkommen; &nbsp;lassen wir die Gespr\u00e4che mit allen nicht abrei\u00dfen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Denn die Welt in der wir leben, muss immer wieder neu verabredet werden.<\/strong> <br>Das schon deshalb, weil jeder nur einen Teil von Ganzen sehen kann und nur ein Zusammentragen mehr Erkenntnis bietet. Ebenso funktionieren Fakten besser als Geglaubtes, um die Welt zu verstehen. <br>Echtes Begreifen hat dann noch mal eine andere Dimension.<\/p>\n\n\n\n<p>Daher zum Schluss eine \u00dcberlegung des deutschen Theologen und Mystikers Johannes Tauler, <br>der um 1300 n.Chr. schrieb:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wahrlich, wir sind und wollen und wollten<br>stets etwas sein, immer einer \u00fcber dem anderen.<br>Darum aller Streit und alle M\u00fche: dass man etwas ist,<br>dass man gro\u00df, reich, hoch und m\u00e4chtig ist.<br>Ein jeder will stets etwas sein und scheinen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Aller Jammer kommt allein davon, dass wir etwas sein wollen.<br>Das Nicht-sein, das h\u00e4tte in allen Lebewesen, an allen Orten,<br>in allen Leuten, v\u00f6lligen, wahren, wesentlichen, ewigen Frieden,<br>und es w\u00e4re das Seligste, das Sicherste und das Edelste,<br>das die Welt hat.<br>Aber niemand will daran, weder reich noch arm, weder jung noch alt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Werden wir es versuchen?<\/p>\n\n\n\n<p>Vielen Dank (Dr. Alfons Lindemann)<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:12px\"><strong>Foto: Wickipedia, Breitenbach-Haut-Rhin, Deutscher Soldatenfriedhof, Autor: BlueBreezeWiki <\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Ortsvorsteher von Fellingshausen begr\u00fc\u00dfe ich Sie und danke Ihnen f\u00fcr Ihr Kommen.Denn angesichts der j\u00fcngsten Entwicklungen sind das Erinnern an die Leiden und Folgen von Krieg wieder sehr wichtig, ebenso wie das Zusammenstehen gegen Hetze, Hass, Falschinformation und Gewalt als Mittel politischer Auseinandersetzung. 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